Karl G. Mund: Pogromstimmung in Nordirak – Wehret den Anfängen

In der deutschen Diaspora lebende Angehörige der yezidischen Religionsgemeinschaft waren in den vergangenen ca. 15 Jahren häufiger Gegenstand des Interesses der in diesem Lande veröffentlichten Meinung.

Und fast immer ging es um die Themen Zwangsverheiratung oder Ehrenmord, die nach Meinung der betreffenden Journalisten integraler Bestandteil dieser „archaischen Religion“ seien. Jene Kollegen hielten es übrigens nicht für nötig, sich von den Führern der yezidischen Gemeinden über die wirklichen Verhältnisse aufklären zu lassen, zum Beispiel darüber, dass solche Vorfälle zwar vorkamen, aber nicht wegen sondern trotz der yezidischen Religion.

Nun haben zwei junge Yeziden im fernen Irak, Verwandte eines auch in Deutschland recht bekannten yezidischen Geistlichen und Politikers, getan, was eigentlich von jedem von uns gefordert wird: sie haben sich als Nächste erwiesen für ein verfolgtes Menschenkind, ganz so wie im Neuen Testament der barmherzige Samariter, und wurden darob von den Verfolgern ebenfalls mit dem Tode bedroht, ihre weltlichen wie geistlichen Führer gleich mit und so ganz nebenbei wurde deren Eigentum sowie wertvolles und nicht wieder herstellbares Archivmaterial in ihrem geistigen Zentrum eingeäschert.

Was ist geschehen: Aus der kurdischen Zeitung „Azadiya Welat“ vom 17.02.2007, übersetzt vom Team der in Deutschland erscheinenden Website „Kurdmania“, geht hervor, dass eine junge Frau ihrem sie ständig unterdrückenden Ehemann, einem kurdischen Moslem, entflohen war, auf der Straße ein Auto anhielt, in dem zwei junge Yeziden auf dem Weg zu ihrem Arbeitsplatz in der Kaserne der Sicherheitskräfte der Kreisstadt Sheikhan unterwegs waren. Die jungen Männer ließen sie einsteigen und brachten sie in die Kaserne, wo sie sie in Sicherheit glaubten. Dort wurde aber nur ein Protokoll aufgenommen, und anschließend wurde sie in die Obhut von Familienangehörigen am Ort übergeben.

Inzwischen hatte sich nämlich ein großer Teil ihrer Stammesangehörigen vor der Kaserne und der Kreisverwaltung versammelt, wohin die beiden jungen Männer gegangen waren, und verlangte nicht nur die Auslieferung der jungen Frau, sondern auch der beiden Yeziden. Die Stammesältesten hatten bereits das Todesurteil über die junge Frau gefällt und sofort nach Übergabe durch Enthauptung vollzogen, nun verlangten sie auch noch die Köpfe der beiden jungen Männer und bedrohten auch den Landrat des Kreises, der die jungen Männer unter den Schutz der irakischen Verfassung stellte und deshalb nicht ausliefern wollte. Er wusste sich schließlich nicht anders zu helfen als mit den beiden Yeziden in das örtliche Büro der Kurdischen Demokratischen Partei (KDP) zu flüchten.

Dort wurde der gewalttätige Mob dann von herbeigeeilten Sicherheitskräften vorerst gestoppt, doch konnte nicht verhindert werden, dass die aufgebrachte Menge dann weiterlief zum Anwesen des in Sheikhan lebenden weltlichen Führers aller Yeziden, Fürst (Mîr) Said Eli Tahsin Beg. Als auch hier Sicherheitskräfte das Eindringen in das Haus verhinderten, setzte die Menge die am Haus geparkten Autos in Brand. Dann strebten sie weiter zum „Lalish“-Kulturzentrum in der Nähe und brannten das Gebäude nieder. Inzwischen wurden einige Hundertschaften kurdischer Truppen (Peschmerga) aus der nahe liegenden kurdischen Provinzhauptstadt Duhok nach Sheikhan in Marsch gesetzt.

Bevor die herankamen, brannte die Menge die Häuser der beiden jungen Männer nieder, welche aber schon vorsichtshalber von ihren Bewohnern verlassen waren, so dass keine weiteren Personen zu Schaden kamen. Parallel dazu wurde das Grabmal von Shehid Huseyn Bavê Sheikh zerstört, einem früheren geistlichen Führer der yezidischen Religion. Auf dem Marktplatz wurden dann noch drei Geschäfte yezidischer Kaufleute in Brand gesteckt.

Mir Said Eli Tahsin Beg, der bereits 1944 in dieses Amt gewählt wurde, wobei die Amtsgeschäfte bis zu seinem 18. Geburtstag 1951 von seiner Großmutter geführt wurden, wandte sich gegen jeden Versuch von Rache oder Vergeltung seitens der betroffenen Yeziden. Er sagte: „In jeder Gesellschaft gibt es dumme und böse Menschen. Mag sein, dass auch Yeziden Schlimmes getan haben, aber wir müssen das Problem mit einem Dialog begraben. Wir werden den Gesetzen vertrauen, auf deren Basis Entscheidungen getroffen werden.“ Weiterhin betonte der Mîr, dass er sich niemals für Provokationen und Feindseligkeiten hergeben würde.

Das Team von „Kurdmania“ informiert weiterhin darüber, dass der das Pogrom von Sheikhan auslösende „Muzuriyian“-Stamm auch in früheren Zeiten maßgeblich an pogromartigen Verfolgungen von Yeziden beteiligt war. Es sei auch bekannt, dass dieser Stamm die Yeziden aus ihren Dörfern vertrieben habe und diese ehemals yezidischen Dörfer heute noch besiedele. Leider wurde dabei nicht erwähnt, ob das vor längerer Zeit geschah oder Teil der vom Saddam-Regime gesteuerten „Umsiedlungsaktion“ der Yeziden und anderer religiöser Minderheiten im Irak war.

Unser Korrespondent Roni Welat fügt hinzu, dass der Muzuriyian-Stamm nicht vollständig an dieser Aktion beteiligt war. Der Pöbel von Sheikhan rekrutierte sich lediglich aus einigen Gruppen, die von Islamisten aus dem Umkreis von „Partiya Yekgirtiya Islamiya Kurdistan“ sowie von al-Qaeda nahe stehenden Kräften beeinflusst wären.

Die Medienkonsumenten hierzulande haben vermutlich einige Probleme damit zu verstehen, warum die Yeziden in Deutschland, die in ihrer großen Mehrheit ja nicht einmal aus dem Irak stammen, sondern überwiegend aus den im türkischen Staatsgebiet liegenden anatolischen Provinzen, sich über eine einzige ermordete muslimische Frau so aufregen, wo doch täglich Nachrichten über Dutzende Opfer von Selbstmordattentätern in Bagdad die Leser, Hörer und TV-Zuschauer hierzulande erreichen. Sicher, diese Menge des alltäglichen Grauens vermag so manche Seele gegen den Einzelfall abzustumpfen, zu immunisieren, zu verhärten. Und nach der Lektüre der Bücher von Necla Kelek gehört es ja zur „political correctness“, grundsätzlich gegen Zwangsverheiratungen und Ehrenmorde zu sein. So schön, so gut.

Hier ging es aber einen Schritt weiter, hier blieb es nicht bei einer „Familienangelegenheit“. Hier wendete sich der Hass gegen diejenigen, die dem Opfer aktive Solidarität erzeigten, und damit ist eine neue Qualität der Menschenverachtung erreicht worden, der von Anfang an entgegengetreten werden muss. Es geht hier auch nicht um einen Gegensatz Muslime – Yeziden bzw. „Ungläubige“, denn die Brandstifter von Sheikhan haben gerade auch ihrer Religion keine Ehre gemacht, sondern gegen zentrale Gebote ihres Propheten verstoßen. Aber solche Probleme gab es in der Geschichte des „christlichen Abendlandes“ ja auch zuhauf, wenn es um die Aktivitäten von allzu engstirnigen Glaubenseiferern ging, quer durch alle Konfessionen. Und auch heute müssen wir aus Deutschland nicht unbedingt nur nach Amerika schauen, wenn es um die Abwehr christlich-fundamentalistischer Aktivitäten geht, es gibt genug davon in der engsten Nachbarschaft.

Es muss hier auch über eine politische Seite des Pogroms in der letzten Woche geredet werden. Der Kreisort Sheikhan liegt zwar in direkter Nachbarschaft zur Provinz Duhok in der Region Kurdistan des Irak, aber eben doch außerhalb im Gebiet Mosul der Provinz Niniveh, so wie auch das weiter westlich nahe der syrischen Grenze gelegene Bergland Sinjar, in dem ebenfalls sehr viele Yeziden leben, die in ganz besonderem Maße von Vernichtungsaktionen während des Saddam-Regimes betroffen waren. Neben dem ölreichen Kirkuk geht es in der im Herbst nach Artikel 140 der irakischen Verfassung durchzuführenden Volksabstimmung um die mögliche Zuordnung dieser Gebiete zur Region Kurdistan. Darum unternimmt die kurdische Regierung alles Mögliche, um friedliche Verhältnisse zwischen den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen dieses Gebietes sichern zu helfen.

Da die große Mehrheit der Kurden im Irak der sunnitischen Rechtsschule des Islam zugehört, sind zunehmend Aktivitäten fundamentalistisch sunnitischer Kreise zu beobachten, deren Ziel es ist, die relativ liberalen kurdischen Muslime auf ihre Seite zu ziehen und damit auch auf die schiitisch-kurdische Koalition in Bagdad zu zielen. Andererseits versuchte schon das Saddam-Regime den Yeziden einzureden, sie seien doch keine Kurden, sondern Araber, um so einen Keil zwischen die Yeziden aus dem Sinjar und Sheikhan und die Kurden vor allem im Machtbereich der Familie Barzani zu treiben. Jetzt kommt noch hinzu, dass Fundamentalisten jeglicher Herkunft die irakischen Yeziden als treueste Bundesgenossen der US-Besatzung denunzieren. Es ist also in vieler Hinsicht nicht einfach, Yezide zu sein im Irak, vor allem nicht außerhalb des Machtbereiches der kurdischen Regionalregierung. Es sitzt sich niemals gut zwischen so ziemlich sämtlichen Stühlen.

Daher muss auch all jenen widersprochen werden, die meinen, die kurdischen Behörden hätten nicht schnell genug und nicht entschlossen genug reagiert. Dem steht vor allem die Tatsache entgegen, dass sich der kurdische Ministerpräsident Necirvan Barzani persönlich dieser Sache angenommen hat und auch so schnell wie möglich kurdische Truppen nach Sheikhan schickte. Dazu musste er erst einmal das Einverständnis der Zentralregierung in Bagdad sicherstellen und auch dem Gouverneur der Provinz Niniveh signalisieren, dass dies kein Akt der Annexion eines Teils von dessen Verwaltungsgebiet sei. Unser Korrespondent berichtet, dass es einen ständigen Meinungsaustausch zwischen dem Mîr, dem geistlichen Führer Bavê Sheikh und dem kurdischen Ministerpräsidenten gäbe. Dass dies nun doch so schnell gelungen ist, beweist dessen politisches Geschick und sicher auch das hohe Ansehen der beiden Führer der yezidischen Glaubensgemeinschaft. Kritikwürdig war in erster Linie das Verhalten der Beamten der Provinz Niniveh. Dazu erfuhren wir auch aus einer anderen Korrespondenz, dass der Landrat gefeuert wurde und einige der Täter bereits in Haft sind.

Eine ausführliche Darstellung der Besonderheiten der yezidischen Religion würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Daher wird die daran interessierte Leserschaft auf die online verfügbaren Publikationen von yezidischen Websites in Deutschland verwiesen, darunter: Neben den Aufsätzen in den Menürubriken Religion, Wissenschaft und zum Teil auch Gesellschaft in dieser Website www.yeziden-colloquium.de verweise ich dafür besonders auf: www.yeziden.de, www.denwan.de und www.kaniya-sipi.de.

Notwendiger Nachtrag zum Beitrag „Pogromstimmung in Nordirak“

Es hat heftige Diskussionen gegeben unter den Yeziden in der deutschen Diaspora während der zwei vergangenen Wochen, einige Demonstrationen, die nicht immer Einigkeit demonstrierten und eine Fülle von Erklärungen, die aber, weil fast ausschließlich in kurdischer Sprache verfasst, an der deutschen allgemeinen Öffentlichkeit nahezu spurlos vorübergegangen sind. Die Informationen basierten häufig auf Telefonaten aus Südkurdistan mit oftmals sehr subjektiver Sicht auf die Ereignisse, häufig auch von Personen, die selber nicht vor Ort waren, und je weiter entfernt die Auskunftspersonen sich von Sheikhan befanden, desto häufiger ersetzten Gerüchte eine ordentlich recherchierte Information. Der Autor dieses Beitrages, da selber der kurdischen Sprache nicht mächtig, war ebenfalls auf solche zumeist subjektiv gefärbten Informationen angewiesen und konnte sich nur durch vergleichende Analyse der verschiedenen Quellen ein einigermaßen realistisches Bild verschaffen.

Bei all dem war ihm leider entgangen, dass schon ganz früh, am 19. Februar, die „Stimme Amerikas“ einen gut recherchierten Bericht gebracht hatte, der schon am 20. Februar im Weblog „From Holland to Kurdistan“ des niederländischen Journalisten Vladimir van Wilgenburg zu finden war. Mit dieser Information hätte der Gerüchteküche eher und besser entgegen getreten werden können. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass in verschiedenen Quellen der Name des Stammes unterschiedlich transkribiert wird, trotzdem handelt es sich immer um denselben Stamm.

Inzwischen laufen weitere Informationen ein, so dass sich heute, am 3.3.2007 ein neuer Zwischenstand herausbildet. Darin wird bestätigt, dass bislang 80 Personen vernommen wurden, einige der vermuteten Täter sind noch auf der Flucht und 19 Personen wurden in Untersuchungshaft genommen, darunter die beiden Yeziden, deren Handeln immer noch von vielen Bürgern der Region als Auslöser der Ereignisse verstanden wird. Ich benenne dies bewusst so nüchtern, weil auch Mîr Said Eli Tahsin Beg in seiner ersten Stellungnahme bereits betont hat, dass die Untersuchung der Vorfälle streng nach Gesetz und Recht zu erfolgen habe und auch ein eventuelles Fehlverhalten von Yeziden zur Sprache kommen und rechtlich gewürdigt werden müsse. Genau dieses Verhalten des Mîr ist in meinen Augen ein untrüglicher Beweis seiner Souveränität und hat letztlich dazu geführt, dass er nicht nur von der kurdischen Regionalregierung als Verhandlungspartner ernst genommen wird, sondern auch von den Oberhäuptern des betroffenen Stammes, die inzwischen ihn demonstrativ aufgesucht und ihm somit ihren Respekt bezeugt haben. Sie haben dem Mîr zudem zugesichert, dass sie bereit seien, die Bemühungen der kurdischen Regionalregierung zur Bestrafung der Täter zu unterstützen.

Dies unterstreicht besonders die schon zuvor von mir benutzte Information unseres Korrespondenten Roni Welat, dass es sich bei den Pogromtätern um eine Minderheit des betreffenden Stammes gehandelt habe. Es besteht also keine Veranlassung, die Vorfälle in Sheikhan zu anti-muslimischer Propaganda zu missbrauchen. Ich bleibe daher bei meiner schon zuvor geäußerten Einstellung, dass die Täter von Sheikhan gegen zentrale Gebote des Islam verstoßen hatten, und daher nicht berechtigt sind, sich als Kämpfer für den Islam darzustellen. Dies scheinen ihre Stammesoberhäupter inzwischen ähnlich zu sehen, auch wenn sie es sicher nie so öffentlich ausdrücken würden.

Der bisherige bezirkliche Verwaltungschef, also unserem Landrat vergleichbar, wurde abgelöst, ebenso der bezirkliche Leiter der Sicherheitskräfte. Dass nun anstelle des bisherigen Yeziden ein Muslim die bezirkliche Verwaltung leitet, sollte ebenfalls nicht von vornherein negativ betrachtet werden. Denn der neue Mann wird sicher genau beobachtet, und er sollte eine Gewähr dafür sein, dass die Täter vom 14. und 15. Februar keine Chance haben, sich als verfolgte Opfer darzustellen. Auch dies ist wichtig im Hinblick auf das anstehende Referendum, und zwar über den Bezirk Sheikhan hinaus. Es ist daher im Augenblick höchst kontraproduktiv, Protestschreiben an die kurdische Regionalregierung zu verfassen. Statt dessen möchte ich empfehlen, auf jede erdenkliche Weise die Arbeit von Mîr Said Eli Tahsin Beg zu unterstützen, denn mit der einhelligen und öffentlichen Unterstützung der in Deutschland lebenden Yeziden und ihrer Gemeinden und Vereine wird seine Verhandlungsposition gestärkt. Nicht nur gegenüber der Regionalregierung in Erbil, sondern vor allem gegenüber der Zentralregierung in Bagdad und, vielleicht am wichtigsten, gegenüber der Provinzregierung in Mosul.

Eine persönliche Bemerkung zum Schluss sei mir erlaubt: Bei all den Protesten scheint mir das Mitgefühl für die getötete junge Frau etwas kurz gekommen zu sein. Wir begehen ja nun in den nächsten Tagen den internationalen Frauentag, und ich weiß, dass in manchen yezidischen Gemeinden und Vereinen Veranstaltungen dazu geplant sind. Darum hege ich die Hoffnung, dass gerade da die Solidarität der Frauen gegen jegliche Gewalttat an der Ehre der Frauen nicht an den Grenzen der eigenen Religion halt machen wird. Mit dem ehrenden Andenken an diese gemordete Muslimin wird nämlich auch indirekt den beiden jungen Yeziden geholfen, die sich ihrer in ihrer Not annahmen.

Bildquelle: www.yeziden.de

 

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